Wie Regionalflughäfen die Elektrifizierung der Luftfahrt ermöglichen

Die Elektrifizierung des Luftverkehrs wird meist aus der Perspektive neuer Flugzeuge diskutiert. Dabei gerät ein zentraler Faktor in den Hintergrund: die Energieinfrastruktur am Boden, schreibt Marius Wedemeyer, Geschäftsführer der Albatross Holding. Regionalflughäfen könnten sich zu entscheidenden Enablern einer neuen Kurzstreckenmobilität entwickeln.

  • Batterieelektrische Flugzeuge werden ab 2030 schrittweise im regionalen Passagier- und Frachtverkehr eingesetzt.
  • Der Engpass liegt in der Bodeninfrastruktur, vor allem in fehlender Anschlussleistung und Schnellladekapazitäten.
  • Regionalflughäfen sollten zu dezentralen Energiezentren mit Photovoltaik, Speichern und intelligenter Lastverteilung werden.
  • Ein koordiniertes Flughafennetzwerk erleichtert Planung, Finanzierung und Harmonisierung von Lade- und Betriebsstandards.
  • Die Elektrifizierung schafft neue Geschäftsmodelle, stärkt die Resilienz und integriert Drohnen sowie regionale Logistik.

Batterieelektrische Flugzeuge werden ab 2030 schrittweise im regionalen Passagier- und Frachtverkehr eingesetzt. Der limitierende Faktor ist jedoch weniger das Fluggerät als die Infrastruktur am Boden. Marius Wedemeyer, Geschäftsführer der Albatross Holding, analysiert, warum Regionalflughäfen zu eigenständigen Energie- und Mobilitätsknotenpunkten werden müssen – und welche Rolle lokale Energieerzeugung dabei spielt.

Elektrische Flugzeuge der Allgemeinen Luftfahrt und der Regionalflugzeuge beim Laden auf dem Vorfeld © ALBATROSS

Warum Energieinfrastruktur über den Erfolg neuer Luftverkehrskonzepte entscheidet

Die Elektrifizierung des Luftverkehrs wird häufig aus der Perspektive neuer Flugzeuge diskutiert. Reichweiten, Sitzplatzkapazitäten, Batteriedichte oder Zertifizierungszeiträume stehen im Fokus. Dabei gerät ein zentraler Faktor oft in den Hintergrund: die Rolle der Infrastruktur am Boden. Gerade Regionalflughäfen könnten sich in den kommenden Jahren zu entscheidenden Enablern einer neuen Kurzstreckenmobilität entwickeln. Nicht als verkleinerte Version internationaler Drehkreuze, sondern als eigenständige Energie- und Mobilitätsknotenpunkte.

Regionalflughäfen sind Flughäfen der zweiten oder dritten Kategorie, die kleinere geografische Räume anbinden und meist deutlich geringere Passagierzahlen aufweisen als internationale Hubs. Sie werden häufig von Low-Cost-Carriern genutzt oder sind auf Geschäftsfliegerei, Ausbildung, Wartung und allgemeine Luftfahrt spezialisiert.

„Regionalflughäfen werden künftig eine zentrale Rolle bei der Elektrifizierung des Kurzstreckenluftverkehrs spielen. Unsere Vision ist es, diese Standorte zu eigenständigen Energie-, Mobilitäts- und Logistikknoten zu entwickeln, die regionale Netzwerke stärken und wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen. Elektrische Flugzeuge bilden dabei einen wesentlichen Baustein. Sie schaffen die Voraussetzung, Passagier- und Frachtverkehre auf der Kurzstrecke emissionsfrei zu betreiben. Gleichzeitig verfügen viele Regionalflughäfen über ausreichend Flächen, um selbst erneuerbare Energie zu erzeugen. Nicht nur für den Flugbetrieb, sondern auch für angrenzende Industrie, digitale Infrastruktur oder die Elektrifizierung von Fahrzeugflotten vom PKW bis zum schweren Nutzfahrzeug.“

– Dr. Stefan Breunig, Geschäftsführer der Albatross Holding GmbH, im Holm-Blog-Interview „Elektrifizierung im Luftverkehr – neue Ära der Kurzstrecke?“ vom 18. September 2025

In Europa stellen Regionalflughäfen jedoch einen erheblichen Teil der Luftverkehrskonnektivität bereit. Laut ACI Europe entfällt mehr als die Hälfte aller direkten Verbindungen auf diese Flughäfen. In Deutschland existieren insgesamt über 500 Flugplätze unterschiedlicher Kategorien, von Verkehrslandeplätzen bis zu Regionalflughäfen. Diese Dichte ist europaweit nahezu einzigartig und eröffnet strukturelle Möglichkeiten, die bisher nur begrenzt genutzt werden.

Elektrisches Fliegen verändert die Logik der Kurzstrecke

Batterieelektrische Flugzeuge werden voraussichtlich ab 2030 schrittweise im regionalen Passagier- und Frachtverkehr eingesetzt werden. Ihr Einsatzgebiet liegt klar auf der Kurzstrecke, bei geringeren Sitzplatzkapazitäten und hoher Umlaufhäufigkeit. Besonders relevant sind dabei Strecken, die heute schlecht an den Hochgeschwindigkeitsverkehr der Schiene angebunden sind oder geografische Barrieren wie Wasserflächen oder Gebirge überwinden müssen.

Visualisierung des Microliner-Flugzeugs von VÆRIDION in der Air-Ambulance-Version mit ADAC-Lackierung © ALBATROSS

Aus energetischer Sicht sind rein elektrische Flugzeuge den meisten alternativen Antriebskonzepten überlegen. Studien zeigen, dass sie bei vollständiger Elektrifizierung die geringsten Klimaeffekte verursachen und die höchste Effizienz aufweisen. Gleichzeitig sinken Lärm und lokale Emissionen deutlich, was neue Betriebsfenster und Akzeptanzpotenziale eröffnet.

Der Engpass liegt nicht im Flugzeug

Der limitierende Faktor für den Markthochlauf elektrischer Regionalflugzeuge ist weniger das Fluggerät als vielmehr die Infrastruktur am Boden. Der Leistungsbedarf für das schnelle Laden von Flugzeugen übersteigt die heute verfügbare Anschlussleistung vieler Regionalflughäfen deutlich. Gleichzeitig steigen auch die Strombedarfe anderer elektrifizierter Prozesse am Flughafen, etwa Bodenfahrzeuge, Gebäude, Logistik oder angrenzende Gewerbegebiete.

Im Rahmen des „KIFER2“-Projektes wurde Albatross von der Berlin-Brandenburg Aerospace Allianz e.V. beauftragt, einen „Implementierungsplan für Lade- und Energieinfrastruktur für die Elektrifizierung der Regionalluftfahrt“ zu entwickeln © ALBATROSS

Ohne eine systemische Betrachtung der Energieversorgung drohen Engpässe, die den operativen Nutzen elektrischer Flugzeuge stark einschränken. Klassische Netzausbauprojekte sind kostenintensiv, langwierig und regulatorisch komplex. Deshalb rückt die lokale Energieerzeugung zunehmend in den Fokus.

„Die Elektrifizierung der Luftfahrt beginnt am Netzanschluss, und genau hier liegen die größten Herausforderungen. Viele Regionalflugplätze benötigen zunächst eine umfassende Ertüchtigung ihrer Netzanschlüsse. Solche Maßnahmen lohnen sich jedoch nur im Rahmen einer ganzheitlichen Planung. Nur wenn auch zukünftige Baufelder, wie derzeit am Flugplatz Schönhagen, oder angrenzende Gewerbegebiete frühzeitig eingebunden werden, entsteht ein tragfähiges Gesamtsystem. Regionalflughäfen sollten künftig als Quartiere gedacht werden: mit lokaler Energieproduktion über Photovoltaik, intelligenter Lastverteilung und großvolumigen Speichern. So entlasten sie nicht nur das übergeordnete Stromnetz, sondern werden zu Treibern regionaler Wertschöpfung.“

– Marius Wedemeyer, Geschäftsführer der Albatross Holding GmbH

Flughäfen als dezentrale Energiezentren

Regionalflughäfen verfügen häufig über große, zusammenhängende Flächen. Dächer, Freiflächen und Randbereiche bieten erhebliches Potenzial für Photovoltaik. In Kombination mit stationären Batteriespeichern lassen sich Lastspitzen abfedern und lokal erzeugte Energie gezielt für hochdynamische Anwendungen wie Flugzeugladung nutzen.

Solarmodule auf Flughafendach Schönhagen bei Sonnenuntergang © ALBATROSS

„Nahezu jeder Flugplatz wird heute mit Angeboten überhäuft, seine Freiflächen und Dächer für die Photovoltaikerzeugung zu verpachten. Diese Angebote bereiten die Flugplätze jedoch nicht auf die luftfahrtspezifischen Energieanforderungen der Zukunft vor, und ihr wirtschaftlicher Wert ist vernachlässigbar. Wenn die Luftfahrt- und Mobilitätskonzepte der Zukunft erfolgreich sein sollen, ist es unerlässlich, dass die notwendige regionale Flugplatzinfrastruktur erhalten bleibt und mit diesen Konzepten wirtschaftlich betrieben werden kann. Dies liegt im Interesse aller Beteiligten, nicht nur der Flugplatzbetreiber.“

– Dr.-Ing. Klaus-Jürgen Schwahn, Geschäftsführer, Flugplatzgesellschaft Schönhagen [8]

Ein solcher Ansatz entlastet nicht nur das öffentliche Netz, sondern erhöht auch die Resilienz der Standorte. Flughäfen entwickeln sich damit von reinen Energieverbrauchern zu aktiven Energiemanagern. Diese Rolle gewinnt auch jenseits der Luftfahrt an Bedeutung, etwa für die Versorgung benachbarter Industrie, Logistik oder digitaler Infrastruktur.

Multimodale Knotenpunkte statt isolierter Infrastruktur

Elektrische Regionalflugzeuge sind nur ein Baustein eines größeren Systems. Parallel schreitet die Entwicklung unbemannter Luftfahrzeuge voran. Die europäische Drohnenstrategie 2.0 sieht den Aufbau eines integrierten und nachhaltigen Drohnenökosystems vor. Dabei werden insbesondere regionale Standorte eine wichtige Rolle spielen.

Zukünftig lassen sich zwei Hauptanwendungsfälle unterscheiden. Kurzstreckendrohnen für die letzte Meile in der Region und größere autonome Flächenflugzeuge für den Transport zwischen Flughäfen. Regionalflughäfen bieten ideale Voraussetzungen für beide Szenarien. Sie stellen Lade- und Wartungsinfrastruktur bereit, ermöglichen ein sicheres Verkehrsmanagement über U-Space-Konzepte und verknüpfen Luftverkehr mit bestehender Logistik.

Wirtschaftliche und strategische Implikationen

Die Transformation regionaler Flughäfen zu Energie- und Mobilitätsknotenpunkten ist nicht allein eine Frage der Nachhaltigkeit. Sie besitzt auch wirtschaftliche und strategische Relevanz. Elektrische Luftfahrt kann neue Geschäftsmodelle ermöglichen, etwa auf bislang unrentablen Strecken oder im zeitkritischen Fracht- und Medizintransport.

„Am Flughafen Hof-Plauen verfolgen wir eine langfristige Vision, um das volle wirtschaftliche Potenzial für die Region zu erschließen. Wir haben das Potenzial in allen Luftfahrtbereichen, eine neue Infrastruktur für die Zukunft aufzubauen, die nicht nur von Flughäfen oder Fluggesellschaften benötigt wird. Ein Flughafen kann heute eine wirtschaftliche Plattform für alle Beteiligten und verschiedenste Geschäftsmodelle sein.“

– Ralf Kaußler, Geschäftsführer, Flughafen Hof-Plauen [9]

Gleichzeitig gewinnt die dezentrale Infrastruktur an Bedeutung für Versorgungssicherheit, Krisenmanagement und Resilienz. Regionale Flughäfen können als redundante Knoten im Mobilitäts- und Energiesystem fungieren. Diese Perspektive wird in der aktuellen nationalen Mobilitätsstrategie noch unzureichend berücksichtigt, dürfte jedoch in den kommenden Jahren an Gewicht gewinnen.

Vom Einzelstandort zum koordinierten Flughafennetzwerk

Die Elektrifizierung regionaler Luftfahrt lässt sich nicht sinnvoll an einzelnen Standorten isoliert umsetzen. Ladeleistungen, Energieerzeugung, Betriebsmodelle und Investitionen entfalten ihren Nutzen erst dann vollständig, wenn sie standortübergreifend koordiniert werden. Elektrische Regionalflugzeuge benötigen verlässliche Rahmenbedingungen entlang ganzer Strecken und Netze.

Vor diesem Hintergrund hat Albatross ein koordiniertes Flughafennetzwerk für elektrische regionale Luftmobilität aufgebaut. In einer ersten Phase haben sich Regionalflughäfen in ganz Deutschland dazu verpflichtet, ihre Infrastruktur gemeinsam für den künftigen Betrieb von Elektroflugzeugen zu entwickeln. Begleitet wird der Aufbau des Netzwerks durch die Interessengemeinschaft der regionalen Flugplätze (IDRF), die die Perspektive einer breiten Vielzahl regionaler Standorte einbringt. Die beteiligten Standorte bilden unterschiedliche regionale und betriebliche Rahmenbedingungen ab und dienen als Grundlage für ein skalierbares Netzwerkmodell.

Im Dezember 2025 gab Albatross Deutschlands erstes koordiniertes Flughafen‑Netzwerk für elektrische regionale Luftmobilität bekannt mit zehn IFR‑Flugplätzen. © ALBATROSS

Der Netzwerkansatz ermöglicht die gemeinsame Planung von Energieinfrastruktur, Ladeleistungen und Betriebsmodellen. Standards können netzwerkweit harmonisiert und frühzeitig mit Flugzeugherstellern abgestimmt werden. Gleichzeitig erleichtert die Bündelung mehrerer Standorte die Finanzierung von Photovoltaikanlagen, Batteriespeichern und Ladeinfrastruktur und schafft Planungssicherheit für Flughäfen, Kommunen, Energieversorger und Industriepartner.

Fazit

Die Zukunft der elektrischen Kurzstrecke entscheidet sich nicht allein im Cockpit, sondern auf dem Vorfeld und im Energieanschlussraum. Regionalflughäfen besitzen das Potenzial, zu zentralen Bausteinen einer neuen, klimafreundlichen Luftverkehrsarchitektur zu werden. Voraussetzung ist ein integriertes Denken, das Luftfahrt, Energie, Logistik und Regulierung zusammendenkt.

Wer die Elektrifizierung der Luftfahrt ernsthaft voranbringen will, sollte Regionalflughäfen nicht als Randnotiz betrachten, sondern als strategische Plattform für Innovation, Wertschöpfung und regionale Entwicklung.

Share the Post:

Related Posts

ALBATROSS Gastbeitrag auf airliners.de

Unser Gastbeitrag ist im airliners+ Magazin 07/2026 erschienen. Darin zeigen wir, warum die Elektrifizierung der Luftfahrt nicht im Cockpit beginnt, sondern bei der Energieinfrastruktur am

Read More »

ALBATROSS wurde erwähnt auf AeroSpace.NRW

URL: https://aerospace.nrw/albatross-establishes-germanys-first-coordinated-airport-network-for-electric-regional-air-mobility Plattform: AeroSpace.NRW Autor: ALBATROSS Holding GmbH Bild: ALBATROSS Holding GmbH

Read More »